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Einmal Einrenken ohne alles bitte


Ein kleines Vorwort

Wie schon auf meiner Seite geschrieben, nutze ich den Blog gerne für Themen, die mich plötzlich anspringen. So auch dieses mal, als mir eine Kollegin schrieb "Bei mir erwarten die Kunden, dass ich in einer Sitzung alles repariere". Ich glaube, davon können wir Therapeuten ein Lied singen und ich möchte den Blog hier für etwas Aufklärung nutzen.

Die Ausgangssituation: Vermutlich nur ein ausgerenkter Wirbel

Es ist oft das gleiche im ersten Telefonat: Das Pferd würde plötzlich so komisch laufen, es müsste einen Weideunfall gehabt haben oder evtl. hat es sich ja auch in der Box festgelegt. Vermutlich ist irgend etwas ausgerenkt. Ob es möglich wäre vorbeizukommen und alles wieder in Ordnung zu bringen?

Um es kurz vorweg zu nehmen: Wirbel sind nicht ausgerenkt: wäre dies der Fall, das Pferd könnte sich kaum noch bewegen. Ausgerenkte Wirbel sind meines Wissens nur bekannt bei Fohlen in den oberen Halssegmenten, fast immer aufgrund eines Unfalls. Die Ursache liegt meist woanders.
Pferde sind überaus gut darin zu kompensieren. Der Körper geht in eine reflektorische Schutzschaltung, um schmerzhafte Bewegungen zu vermeiden. Meistens entsteht dies durch Überlastung über lange Zeit, ob durch Training, zu viel Herumstehen oder ungenügenden Auslauf. Die Liste ist lang. Unfälle und traumatische Ereignisse sind jedoch die Ausnahme.

 

Bis zu einem gewissen Grad können die Pferde dies wegdrücken und die kleinen Verschlechterungen im Laufbild fallen kaum auf, da man sein Pferd fast jeden Tag sieht. Steht dann noch ein Pferd unter Strom beim Training, ist kaum etwas zu sehen, denn Adrenalin überdeckt alles. Im Trab und Galopp ist somit kaum etwas zu erkennen.  Diese unrunden Bewegungen zeigen sich meist im entspannten Schritt.  

Der Tag X: Wenn das Pferd nicht mehr kann

Irgendwann ist jedoch der Tag erreicht, da kann das Pferd diese Kompensation nicht mehr aufrecht erhalten, es wird deutlich unrunder im Laufen oder widersetzt sich vehement. Für den Besitzer ist dies ein plötzlich eintretender Fall, für den Therapeuten jedoch das Ende einer langen Kette, die nun nicht mehr hält. An dieser Stelle trennen sich dann oft die Erwartungen. Was nun plötzlich auftaucht, kann ja auch schnell wieder weggehen, was in der Tat erst einmal oft richtig sein kann- nur das es meistens eben nicht plötzlich aufgetreten ist.

Wunderheilung...oder auch nicht

An dieser Stelle wird es schwer: Wenn man die Problematik nicht klar anspricht, so bleibt die Erwartung des Besitzers, das Problem schnell lösen zu können. Und immerhin ist dies ja auch aus dem Fernsehen bekannt, wo Pferde innerhalb weniger Minuten zum laufen gebracht werden. Wenn man sich allerdings den "Job" des Adrenalins vor Augen führt, muss man sich nicht wundern, dass Pferde nach Hauruck-Techniken voll mit Adrenalien antraben und die Bewegungsstörung plötzlich weg ist.

Weiterhin ist es so, dass man es mit einer Behandlung wirklich schaffen kann, dass Pferd in den Bereich zu bringen, in dem es kompensieren kann. Das Pferd nimmt wieder das gewohnte Bewegungsbild an und die Welt scheint in Ordnung. Wenn dann das Pferd noch aufgrund der besseren Bewegung über die Weide tobt (Achtung, Adrenalin), so ist das Wunder perfekt. Meist hält dies allerdings nicht allzu lange an und der Besitzer ist enttäuscht. Sofern man nun noch dem Besitzer Übungen an die Hand gibt und evtl. etwas am Haltungsmanagement oder dem Reiten (etwas mehr Pausen zum Beispiel) ändert, kann man das erneute Umkippen der Situation herauszögern.

Gesundheit oder Funktion?

In einer Erstbehandlung kann man schon den Zustand des Pferdes verbessern. Aus Besitzersicht ist damit dann die Funktionsfähigkeit und Gebrauchsfähigkeit hergestellt und man kann weitermachen wie bisher. Aber ein gesunder Zustand wurde noch lange nicht erreicht, nur der erste Schritt getan. Die Kommunikation wird hier wirklich schwer. Als Therapeut muss man vermitteln, dass das Pferd eben noch nicht wieder gesund ist und es an sich auch noch nicht wieder voll gebrauchsfähig ist. Dazu sind noch weitere Sitzungen nötig (jeder Mensch, der schon einmal Massagen oder Physiotherapie hatte, weiß, dass es nicht so schnell geht). Also weitere Behandlungen, Geld in die Hand nehmen und vor allem Nicht oder weniger/ anders reiten. Als Besitzer sieht man aber ein Pferd, welches sich wieder bewegen kann und in 2 Wochen steht sowieso das nächste Turnier oder der Reiturlaub an. Weiterhin macht es überhaupt keinen Spaß, wenn einem vermittelt wird, dass man den Zustand des Pferdes über längere Zeit

  • a: entweder selbst herbeigezaubert, oder
  • b. zumindest nicht gemerkt hat.

Da können schnell mal Glaubensbilder zusammenbrechen, was mehr als schmerzhaft sein kann. Die Lösung mit dem Weideunfall ist da deutlich angenehmer. Dies ist für beide Parteien eine schwere Situation. Der Therapeut muss es irgendwie vermitteln, der Pferdebesitzer irgendwie schlucken. Da hilft es, wenn man sich vor Augen führt, dass es hier nur um das Pferd geht und dessen Gesundheit vor allem stehen sollte. Gemeinsam kann man meist eine gute Lösung finden, aber es ist definitiv kein ausgerenkter Wirbel.

Nachwort

Ein Hauptproblem liegt in der Tat in der Kommunikation zwischen Therapeuten und Besitzer. Ich habe aber noch keine Besitzer erlebt, denen ihr Pferd egal ist, oder die sich nicht um das Wohl des Pferdes sorgen. Es sind oft falsche Hoffnungen, nicht zuletzt genährt durch soziale Medien und das Fernsehen. Hier hilft nur Aufklärung und diese ist immer einfacher, wenn man gerade nicht selbst akut betroffen ist.
Wenn dieser Artikel dazu beiträgt und der eine oder andere etwas achtsamer wird und sein Pferd noch mehr beobachtet, bin ich zufrieden. 



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Kommentare: 7
  • #1

    Ann-Christin Kuntze (Montag, 12 März 2018 15:06)

    Riesiges Lob ! Diese Worte bringen es auf den Punkt - ich habe schon oft versucht mit diesem “einmal renken- alles wieder super” Märchen aufzuraumen... aber die Medien üben eine enorme Macht aus und es ist schwer hier zu überzeugen . Sicherlich auch weil die Wahrheit eben unbequemer ist .
    Vielen Dank für diesen Artikel!

  • #2

    Mobile Tiertherapie Sandra Lebert (Montag, 12 März 2018 22:03)

    Super geschrieben und auf den Punkt gebracht.

  • #3

    PferdeStärken - Cindy Kuhn (Dienstag, 13 März 2018 07:46)

    Ich glaube darüber könne wir alle ein Lied singen...
    Schön zusammengefasst!

  • #4

    Petra Stegmüller (Dienstag, 13 März 2018 09:00)

    Ja, Du sprichst mir aus der Seele! Hast Du gut geschrieben. Nur laufen draußen auch "Therapeuten" rum, die dem Besi sagen, sie haben jetzt die drei Lendenwirbel wieder eingerenkt...Aufklärung und langer Atem sind gefragt. Danke!

  • #5

    Katharina Wanha (Dienstag, 13 März 2018 10:19)

    Sehr guter Artikel. Sehr gut geschrieben und auf den Punkt gebracht!
    LG Katharina

  • #6

    Verena G (Sonntag, 18 März 2018 09:48)

    Sehr gut geschrieben!
    Das mit dem Fernsehen (meine Meinung und Auffassung) kommt immer ein bisschen darauf an. Es sind Minutenausschnitte von einer Behandlung die zwischen ein und eineinhalb , wenn nicht sogar im schlimmsten Fall zwei Stunden dauern kann. Dass man im ersten Moment natürlich eine Besserung sieht, ist bei uns wenn wir nach der Behandlung z.B. Raus kommen auch deutlich spürbar, aber man sieht nie, was alles besprochen wurde, was im Anschluss zu tun ist. Man sieht ja nicht was die Besitzer alles hinterher noch tun, ihr Training ändern usw. Das würde ja den Rahmen in einer Sendung kpl. sprengen!

    Man muss schon auch bissi zwischen den Zeilen zuhören und sich nicht in dem Augenblick von der Behandlungsmethode überwältigen lassen. Ich bin auch manchmal schockiert im ersten Augeblick und da fängt das Gehirn zum rebellieren an, aber sieht man sich die Sendung das zweite mal an ist man darauf gefasst und man hört mehr hin und es ist sehr erstaunlich was auf einmal für Erklärungen so an den Tag kommen und was es für Zusätze gibt, die den Besitzern noch an die Hand gegeben werden!

  • #7

    Katja Bredlau (Mittwoch, 21 März 2018 09:33)

    Toll auf den Punkt gebrachtt und super geschrieben!!!!! Danke